Orgasmen.

Der heilige Gral. 

So oder so wird uns gerne ein Höhepunkt verkauft. Wie ein Abzeichen für gute Performance. 

Die meisten Menschen denken bei einem Orgasmus eben daran:

  • Ein Höhepunkt
  • Spontane Feuchtigkeit bzw. Ejakulation
  • Beckenbodenkontraktionen
  • Körper verkrampft sich
  • Stöhnen/Seufzen


Auch der Duden umschreibt den Orgasmus mit dem Höhepunkt der sexuellen Lust.

Aber ist dem wirklich so?


Was auf den ersten Blick simpel erscheint, ist nicht nur problematisch, sondern gefährlich.

Warum?

Weil wir annehmen, dass ein Orgasmus gleichbedeutend mit Lust und Erregung ist. Ein Orgasmus ist der „Beweis“, dass es der Person gefällt.

Es gibt zahlreiche Artikel, die darum handeln wie man einen „echten“ Orgasmus (bei Frauen) erkennt, damit man auch sicher gehen kann, dass sie einem nichts vorlügt.

Schließlich ist der Orgasmus wie eine Trophäe mit der man sagen kann: Ja guck her, wie toll ich es dir gemacht habe.

Aber es geht noch schlimmer.


Nicht wenige Menschen (jeglichen Geschlechts) erleben einen Orgasmus bei der Vergewaltigung.

In einer Extremsituation, die von Angst und Überleben gekennzeichnet ist, in der das Opfer aus Schutz sich von ihrem Körper dissoziiert (eine innere Trennung zwischen Körper und Geist) gibt es Höhepunkte.

Würdest du sagen, der Person gefällt es?


Oder ist es eine rein körperliche Reaktion, die ausgelöst wird durch Reizung bestimmter Nervenenden um das Opfer zu beschützen (Orgasmen können Stress und Überlastung des Nervensystems lindern)?


Die falsche Annahme, dass diese Menschen dabei Lust empfinden, führt leider zu besonders abscheulichen Richtungen in unserer Gesellschaft.

Frauen, die einen Orgasmus hatten, wird unterstellt sie wollten insgeheim vergewaltigt werden.

Männern wird grundsätzlich nicht zugegeben, dass sie sexuell vergewaltigt werden können, da ihre Erektion ein Beweis für ihre Zustimmung und Lust ist.

In beiden Fällen wird den Opfern eine Mitschuld gegeben und der Täter vielleicht sogar freigesprochen.  

Damit muss Schluss sein.


Eine körperliche Erregung heißt nicht, dass dich etwas antörnt.

Ein Höhepunkt heißt nicht, dass du Lust dabei empfindest.

Ein Orgasmus ist viel mehr als die reine körperliche Erfahrung.


Eine neue, inklusivere Definition von Orgasmen

Wir brauchen eine neue Definition, was wirklich ein Orgasmus oder eine orgasmische Erfahrung ist.


Wie bei der sexuellen Lust hat auch der Orgasmus Zyklen. Ich meine nicht die „wissenschaftlichen“ Phasen (Erregungsphase, Plateauphase usw.) sondern die jahreszeitlichen Zyklen.

Wir fokussieren uns nur auf den Sommer, den Höhepunkt. Hier ist Erntezeit, alle Bemühungen werden entlohnt, wir sind auf dem Gipfel unserer Lust.


Dabei vergessen wir, dass der Sommer nicht ohne die anderen Jahreszeiten existieren kann.

Der Herbst steht für die Wehmut, die Nachwirkungen des Sommers, Dankbarkeit empfinden, Loslassen, alten Schmerz heilen.

Der Winter ist man präsent und geht ins Fühlen, meditieren, viel Selbstfürsorge und Verletzlichkeit,

Der Frühling steht für Erregung, Lust, Vergnügen, Aktivierung, Frühlingsgefühle.


Die Arbeit, die wir im Herbst, Winter und Frühling tun hilft uns zu einem wahrhaft sonnigen Höhepunkt.

Man kann lernen in jeder dieser Phase die spezifische Lust darin zu feiern. Das führt zu gleichermaßen befreienden, wie auch (nach außen) seltsam anmutenden Phänomenen wie den „Crygasm“ in der man die Lust und die Trauer fühlt und sich intensiv seinen Emotionen hingibt und die Welle der Traurigkeit reitet wie eine Orgasmuswelle.


Ein Orgasmus kann, muss aber kein Höhepunkt sein. Es geht um die gesamte orgasmische Erfahrung, die uns Mutter Natur so großzügig ermöglicht.

Hier also meine inklusivere Definition eines Orgasmus:


„Ein Orgasmus ist ein lustvoller Zustand des Seins, in dem alltägliche Gedanken und Grenzen in den Hintergrund treten und man sich ganz seinen Empfindungen und Gefühlen hingibt, sodass man in einen anderen, höheren Zustand tritt.“


*Fun Fact: Die Franzosen haben eine interessante Umschreibung des Orgasmus: la petite mort - der kleine Tod - Denn fühlt es sich nicht für einen winzigen Moment so an, als ob es das Bewusstsein nicht mehr geben würde und wir komplett unserem Erleben ausgeliefert sind?


Elemente des Orgasmus

Noch klarer wird es, wenn wir den Orgasmus in seine Bestandteile zerlegen. Die drei Elemente, die ich erstmals von Layla Martin gelernt habe, sind:


1) Lust/Pleasure

Das Gefühl der Lust im ganzen Körper spüren und willkommen heißen, wissen was dir in diesem Moment die größte Lust und Pleasure bringt.

Wie erreicht man das?

  • Erkunden der eigenen Lust
  • Vorstellen von lustvollen Bildern oder Fantasien
  • Unterschiedliche Berührungen und Empfindungen an allen Orten des Körpers
  • Spüren, wo Lust behindert wird (z.B. durch alte Glaubenssätze oder ungelöste Emotionen)


2) Expansion

Wenn die Lust groß genug ist, kann sie sich erweitern und durch den ganzen Körper fließen, unser ganzes System wird dabei aktiviert.

Wie erreicht man das?

  • Bewusstes Entspannen von angespannten Körperteilen (vor allem Beckenbodenmuskeln und Kiefer)
  • Die Lust bewusst durch den Körper strömen und kreisen lassen (mit dem Atem und deiner Aufmerksamkeit)
  • Die innere Intention, die Bewegung und Entspannung zuzulassen (auch im Geist)


3) Surrender

Es gibt kein gutes deutsches Wort für diesen Zustand des Surrender. Im größten Sinne ist es Hingabe, Fallenlassen in die Situation und sowohl dir als auch evtl. deinem Partner zu vertrauen. Hier gibt es keine Kontrolle mehr, kein Ego, sondern nur ein Beobachten und Spüren.

Erfahrungsgemäß ist das der schwerste Teil für die meisten Menschen und bedarf Übung, denn für gewöhnlich sind wir viel zu sehr in der Kontrolle und den Gedanken.

Wie erreicht man diesen Zustand?

  • Tiefes Atmen durch den Mund (evtl. unterstützt durch Stöhnen/Seufzen)
  • Intention zum Fallenlassen -> alles andere kann danach kommen
  • Vorstellung, sich der Erfahrung komplett hinzugeben


Beispiele für Orgasmen

Und um abschließend noch die Vielfalt von Orgasmen zu feiern, hier eine unvollständige Liste, welche Orgasmen möglich sind.

  • klitoraler Orgasmus
  • vaginaler/G-Punkt Orgasmus
  • Zervixorgasmus
  • Anal/Perineum Orgasmus
  • Prostataorgasmus
  • Uterusorgasmus
  • Nippelorgasmus
  • Ganzkörperorgasmus
  • ...


Auch Menschen mit einer Querschnittlähmung oder nach einer geschlechtsangleichenden Intimoperation können Orgasmen bekommen.

Es gibt keine "gute" oder "schlechte" Form eines Orgasmus. Jeder Mensch ist in der Lage, Orgasmen zu erfahren und es ist möglich, die Grenzen der Orgasmen zu erweitern.

Wie würdest du deinen eigenen Orgasmus jemanden erklären, der davon keine Ahnung hat?

Schreib es mir gerne in die Kommentare oder mach es zu einem Thema beim nächsten Kochabend 😉


Alles Liebe

signature_jessica

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